Provinzial unterstützt wissenschaftliche Begleitung des Schutzengel-Projekts: Verunglücktenzahl sinkt um mehr als 20 Prozent
Gütersloh. "Um die Unfallzahlen zu reduzieren, müssen wir innovative Ideen aufgreifen und weiterentwickeln." Mit diesen Worten gab Landrat Sven-Georg Adenauer Mitte des Jahres 2008 den Startschuss für das Projekt Schutzengel im Kreis Gütersloh. Die Idee war auf Initiative von Fachbereichsleiter Hans-Dieter Malsbender in den Kreis Gütersloh importiert und den lokalen Gegebenheiten angepasst worden, Vorbilder gibt es im Kreis Soltau-Fallingbostel und Dänemark. Gemeinsam mit der Polizei und der Verkehrswacht setzte sich der Kreis Gütersloh das Ziel, die Zahl der Verunglückten unter den jungen Fahrern in der Altersgruppe zwischen 18 und 24 Jahren zu senken: Gegenüber den Verunglücktenzahlen aus dem Jahr 2007 bis Ende 2010 mindestens um 20 Prozent. Jetzt zogen die Initiatoren eine erste, ausgesprochen positive Zwischenbilanz.
Über 3000 Schutzengel berichten von ihren Erfahrungen

Mit 20.000 Euro unterstützt die Westfälische Provinzial das Projekt Schutzengel - bereits die zweite Großspende der Versicherung (v.l.): Margit Picker (Direktionsleitung Bereich Verkehr Kreispolizeibehörde Gütersloh, Geschäftsführerin Schutzengel), Dr.-Ing. Iris Mühlenbruch (wissenschaftliche Begleitung Uni Duisburg-Essen), Eberhard Ottmar (Vorstandsmitglied der Provinzial), Landrat Sven-Georg Adenauer, Hans-Ingolf Seidel (Vorstand Verkehrswacht) und Michael Haftmann (Abteilung Verkehr, Projektleiter Schutzengel).
Beinahe 10.000 Schutzengel sind bereits registriert. Das bedeutet, dass rund ein Viertel der Zielgruppe im Kreis Gütersloh Schutzengel ist. In der Liste der Sponsoren auf den Internetseiten unter www.be-my-angel.de finden sich rund 200 Adressen, die Vorteile der Schutzengel-Kartenbesitzer reichen von Preisnachlässen bis zu 50 Prozent beim Schwimmbadeintritt bis zum subventionierten Schutzengelmenü im Schnellrestaurant. Schutzengel - das ist inzwischen die größte Massenbewegung in dieser Alters-klasse im Kreis Gütersloh. Früh eingestiegen in das Projekt ist Dr. Christian Lüdke. Der Psychotherapeut steht seit Mitte 2008 den Schutzengeln als Ansprechpartner zur Verfügung, ist Ideengeber und Berater des Projekts. Seit März 2009 begleitet zudem die Universität Duisburg-Essen das Projekt wissenschaftlich: Mit maßgeblicher Unterstützung der Westfälischen Pro-vinzial Versicherung soll die Frage geklärt werden, ob es gelingt, die Unfallzahlen - verglichen mit anderen Kreisen - tatsächlich zu senken. "Bringt es etwas, haben wir Erfolg mit dem Projekt", formulierte der Landrat die Kernfrage, die man mit Hilfe der Wissenschaft klären will. Schutzengel sollen, so der Ansatz, auf Gleichaltrige im Freundes- und Bekanntenkreis einwirken, damit diese verantwortungsvoll fahren. Also ohne Drogen und Alkohol, angeschnallt und nicht zu schnell. Die große Zahl von annähernd 10.000 bereits registrierten Schutzengeln hat laut Dr. Lüdke einen entscheidenden Vorteil: "Selbst wenn sie nicht bei anderen einschreiten und sie am Fahren hindern, achten sie auf sich selbst, wenn sie sich ans Steuer setzen." Die Unfallzahlen der Polizei scheinen den Erfolg zu bestätigen, wenngleich Initiatoren und Wissenschaftler es für verfrüht halten, diesen Zusammenhang herzustellen, bevor die Ergebnisse der Universität vorlie-gen. Gegenüber 372 Verunglückten im Jahr 2007 wies die Statistik 292 im Jahr 2009 aus, also einen Rückgang von 80 (21,51 Prozent). Die Zahl der Verletzten reduzierte sich von 367 (2007) auf 306 (2008) beziehungsweise 287 (2009), die Zahl der Todesopfer hat sich von 8 in 2008 auf 5 in 2009 reduziert. Projektleiter Michael Haftmann: "Wir haben unsere Zielmarke von 20 Prozent bereits erreicht und angesichts der positiven Tendenz werden wir das Projekt auch fortführen."
nach obenWestfälische Provinzial unterstützt das Schutzengel-Projekt
Gerade der wissenschaftliche Ansatz hat die Provinzial-Versicherung dazu bewegt, das Schutzengel-Projekt maßgeblich zu unterstützen: Eberhard Ottmar, Vorstandsmitglied der Provinzial, überreichte während der Pressekonferenz Landrat Adenauer einen Scheck über 20.000 Euro. Bereits den Druck der Scheckkarten großen Schutzengelausweise hatte die Provinzial mit 10.000 Euro unterstützt. "Dieses Projekt ist etwas ganz besonderes, so etwas gibt es noch nicht", begründete Otmar das Engagement, das über das Finanzielle weit hinausgeht. Auch inhaltlich bringt sich die Provinzial ein.
Getreu ihrem eigenen Selbstverständnis als Schutzengel engagiert sich die Westfälische Provinzial bereits seit vielen Jahren für die Verkehrssicherheit in Westfalen. "Autofahren ist eine Tätigkeit, die wie viele andere Tätigkeiten auch, Fähigkeit und Fertigkeit erfordert. Diese erlangt man, wie so oft in Musik, Sport oder auch im Beruf unter Beweis gestellt, nur durch Übung und Erfahrung. Es ist also verständlich, dass junge Menschen hier in einer besonders schwierigen Situation sind. Denn einerseits haben sie die Verantwortung als Fahrer und Fahrerin sofort mit dem Führerschein. Aber andererseits? Wo sind Erfahrung und Fertigkeit? Und wo bewegen wir sonst noch eine Maschine mit solcher Kraft und Energie so frei und ungebunden und mit so hoher Geschwindigkeit? Das auch noch bei unterschiedlichsten Wetterbedingungen und Straßenverhältnissen. Es ist kein Wunder, dass dies zu oft schiefgeht. Niemanden lässt es kalt, wenn wieder einmal ein junger Mensch, manchmal auch durch überhöhte Geschwindigkeit, Drogenmissbrauch oder Selbstüberschätzung, ums Leben gekommen ist", betont Klaus Ross, Leiter der Hauptabteilung Schadenverhütung der Westfälischen Provinzial. "Daher arbeiten wir sehr gerne aktiv an diesem Projekt mit. Denn es liefert uns wichtige Hinweise, die wir für unsere westfalenweite Schadenverhütungsarbeit ebenfalls nutzen können", erläutert Klaus Ross den Entschluss zur Mitarbeit.
Das Engagement der Provinzial in Sachen Verkehrssicherheit umfasst verschiedene Projekte. So unterstützt sie beispielsweise westfalenweit rund 60 Nachtbusse, um die gefürchteten Wochenendunfälle zu reduzieren. Im benachbarten Münster ist die Provinzial außerdem als Gründungsmitglied in der Ordnungspartnerschaft Verkehrsunfallprävention aktiv. Denn Münster bildet (noch) das Schlusslicht der nordrhein-westfälischen Unfallstatistik.
nach obenUniversität Duisburg-Essen untersucht Erfolg des Projekts
Um den Erfolg des Projekts messbar zu machen, haben die Projektverantwortlichen die Universität Duisburg-Essen mit der wissenschaftlichen Begleitung beauftragt. Zum einen wurde unter den Schutzengeln eine Online-Umfrage gestartet, deren Resonanz die Erwartungen bei weitem übertraf: Über 3000 nahmen sich die Zeit, einen Online-Fragebogen auszufüllen. Auffällig dabei: Besonders viele nutzten die Möglichkeit, in offenen Feldern eigene Erlebnisse detailliert zu schildern. Befragt wurden die jungen Schutzengel vor allem nach ihren Erfahrungen: In welchen Situationen engagierten sie sich als Schutzengel - waren die jungen Fahrer betrunken, nicht angeschnallt oder fuhren zu schnell? Hatten sie Erfolg beim Einschrei-ten? Gibt es Veränderungen bezüglich des eigenen Fahrverhaltens? Die Auswertung der großen Datenmasse läuft derzeit.
Zum anderen erstellen die Wissenschaftler um Prof. Dr. Maria Limbourg und Dr. Iris Mühlenbruch eine Unfallanalyse. Noch bis Ende 2010 sammeln sie Unfalldaten und analysieren sie. Verglichen werden dabei die Entwick-lungen im Kreis Gütersloh und zwei Vergleichskreisen, die aufgrund ähnlicher Strukturdaten (ÖPNV, Siedlungsstruktur, Standorte von Diskotheken etc.) ausgewählt worden sind: Minden-Lübbecke und Heinsberg. Dabei werten die Wissenschaftler nicht einfach die Unfallstatistik aus, sondern schauen genauer hin, um etwa herauszufinden, ob der junge Fahrer Unfallverursacher war oder nicht.
Das Engagement der Schutzengel soll am 27. März 2010 mit einer kreisweiten Schutzengel-Party in der Ostwestfalenhalle in Verl-Kaunitz belohnt werden. Hierzu sind auch interessierte Jugendliche und Heranwachsende eingeladen, die bislang noch nicht Schutzengel sind, sich an diesem Abend zu informieren und zu registrieren.
nach obenChronologie des Schutzengelprojekts
- 23. Januar 2008: Pressekonferenz - Vorstellung des Schutzengel-Projekts
- Mai 2008: Briefaktion - 25.000 junge Frauen und Männer zwischen 17 und 21 Jahren werden direkt angeschrieben
- Mai 2008: Internetseite www.be-my-angel.de wird frei geschaltet, über die man sich online registrieren kann.
- 11. Juni 2008: Bereits 4350 Schutzengel nach nur wenigen Wochen. Plakate an den Hauptverkehrsverbindungen werben für das Projekt. Bereits 120 Sponsoren räumen Schutzengeln Rabatte ein.
- 1. Juli 2008: Offizieller Start des Verkehrssicherheitsprojekts Schutzengel - das erste seiner Art in NRW.
- 8. Juli 2008: Verschicken der ersten 5000 Schutzengelausweise im Scheckkartenformat. Druck der Ausweise mit finanzieller Hilfe der Westfälischen Provinzial (10.000 Euro).
- August 2008: 5000. Schutzengel hat sich registriert unter www.be-my-angel.de
- August 2008: Als Berater, Ideengeber und Ansprechpartner für die Schutzengel unterstützt Psychotherapeut Dr. Christian Lüdke das Projekt.
- 29. November 2008: Erster Schutzengel-Kinotag im Cinestar Gütersloh
- 2009: Im ganzen Jahr kostenloser Auto-Sicherheitscheck für Schutzengel durch die Dekra
- März 2009: Wissenschaftliche Begleitung durch die Universität Duisburg-Essen: Evaluation des Projekts
- April 2009: Aktive Schutzengel werden geschult, um das Projekt in Fahrschulen vorzustellen.
- Mai 2009: Zweite Breifaktion mit 13.000 Anschreiben
- 5. Juni 2009: Zweiter Kinotag für Schutzengel im Cinestar Gütersloh
- 1. August 2009: 50 Schutzengel fahren auf Einladung der Dekra zur Deutschen Tourenwagenmeisterschaft
- 8. August 2009: 14 Schutzengel fahren unterstützt vom Sponsor Automobilclub von Deutschland (AvD) zum Oldtimer-Grandprix auf dem Nürburgring
- 27. November 2009 in Krefeld: NRW-Landespreis "Innere Sicherheit" für das Schutzengelprojekt
- 27. März 2010: Erste Schutzengel-Party, Ostwestfalenhalle in Verl-Kaunitz
Der Arbeitskreis Verkehr
Seit längerer Zeit gibt es im Kreis Gütersloh einen Arbeitskreis Verkehr bestehend aus der Abteilung Straßenverkehr des Kreises, der Verkehrswacht Gütersloh und unserer Kreispolizeibehörde. Der Arbeitskreis Verkehr ist seit längerer Zeit in der Zielgruppe der "Jungen Fahrer" aktiv. Seit 2005 nehmen Berufsschüler an Verkehrssicherheitstagen teil. In den ganztägigen Veran-staltungen erhalten die Berufsschüler Informationen über Unfälle und Unfallrisiken, erleben hautnah die Folgen im Überschlagsimulator, lernen an Testgeräten ihr Reaktionsvermögen realistisch einzuschätzen. Am Fahr- und Sicherheitstraining nehmen die jungen Fahrer mit einem Kostenbeitrag von zehn Euro mit Ihren eigenen Pkw teil. Diese Zahl soll künftig auf 1000 Schüler pro Jahr erhöht werden und der Kreis der Teilnehmer erweitert werden: Auch Schüler anderer weiterführenden Schulen werden jetzt gezielt angesprochen. Im vergangenen Jahr gab es 37 Sicherheitstrainings mit 863 Teilnehmern. Zudem führen die Verkehrssicherheitsberater der Kreispolizeibehörde in etlichen der 80 Fahrschulen im Kreis regelmäßig Informati-onsveranstaltungen durch.
nach obenDruckdatum: 09.09.2010


